Krimis und Thriller zählen zu den beliebtesten Vertretern der Unterhaltungsliteratur, oft werden sie in einem Atemzug genannt. Tatsächlich haben die beiden Genres nicht nur einen gemeinsamen Ursprung, sondern auch viele Ähnlichkeiten. Aber worin unterscheiden sie sich im Detail?
Als Ursprung der modernen Spannungsliteratur, zu der auch Krimis und Thriller gehören, gilt der viktorianische Schauerroman. In den Geschichten um Vampire, Mumien und andere Monster fanden die Leser·innen eine Möglichkeit, sich Ängsten zu stellen und Spannung zu erleben – um am Ende der Lektüre wie aus einem Albtraum zu erwachen und zurück in die heile (?) Welt zu kehren.
Aus dem Schauerroman entwickelte sich dank Schriftsteller·innen wie Edgar Allan Poe im Laufe der Zeit die Detektivgeschichte und Vorläufer des Thrillers. Übernatürlicher Grusel wich Verbrechen durch Menschen, die dank analytisch denkender Ermittler·innen aufgeklärt wurden.
Die Möglichkeit, Nervenkitzel und Furcht zu erleben, blieb erhalten. Es entwickelten sich jedoch unterschiedliche Konventionen und Traditionen mit jeweils anderen Schwerpunkten. Heute gibt es neben klassischen Krimis und Thrillern vor allem zahlreiche Mischformen, in denen genretypische Eigenheiten auf komplexe Weise kombiniert werden. Aber wie sehen diese typischen Merkmale aus?
Rätsel und Labyrinthe im Krimi
Im Zentrum eines klassischen Krimis steht der Fall, der von einer ermittelnden Person gelöst wird. Es ist ein Blick zurück, denn das grausame Verbrechen wurde meist bereits zu Anfang begangen und wird nun von der ermittelnden Figur Schritt für Schritt rekonstruiert.
Der Plot ähnelt dabei einem Labyrinth, durch das sich die Hauptfigur mit den Leser·innen an ihrer Seite zur Lösung vorarbeitet. Figur und Leser·innen sind dabei in der Regel auf demselben Wissensstand, ihr Vorankommen ist ein gemeinsamer Erfolg. Um dies zu ermöglichen, müssen Autor·innen Wissen zurückhalten und dürfen es erst nach und nach preisgeben; sind die Leser·innen der ermittelnden Figur voraus oder können sie nur schwer folgen, reagieren sie womöglich gelangweilt oder frustriert.
Spannung entsteht vor allem durch das Rätsel an sich, die Figuren bieten Identifikationspotenzial, haben oft aber keine persönliche Verbindung zum Fall. Sie ermitteln aus professionellen Gründen oder aus purer Freude am Entschlüsseln mysteriöser Verbrechen. Typische Räume sind verschlossene Zimmer.
Folter und Wettlauf im Thriller
Im Thriller stehen die Täter·innen im Fokus. Mitunter haben sie bereits eine Tat begangen, aber weitere Verbrechen stehen bevor und ziehen sich als blutige Spur durch die Geschichte. Der Plot ähnelt einem Wettlauf zwischen Ermittler·innen und Täter·innen: Die Zeit läuft erbarmungslos. Wo im Krimi zurückgeschaut wird, zählt im Thriller vor allem die Gegenwart. Hier wird unter Druck gehandelt und erlebt: Wichtige Figuren sind ständig in Gefahr, sie erfahren körperlichen und/oder seelischen Schmerz, etwa durch Folter.
Wissen wird oft nicht zurückgehalten, sondern für die Leser·innen ausgebreitet. So erhalten sie zum Beispiel tiefe Einblicke in die psychischen Abgründe und Motivationen der Täter·innen. Mitunter werden sie sogar zu Kompliz·innen.
Spannung wird durch die stetige Bedrohung erzeugt. Die ermittelnden Figuren sind oft persönlich in den Fall involviert, und es klingen traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit an. Im Vergleich zum oft rational-kühlen Krimi ist der Thriller emotionaler sowie tempo- und wendungsreicher. Typische Räume sind Wälder, Kerker und andere abgelegene Orte, die Angst erzeugen.
Krimi und Thriller im Mix
Vermutlich fallen euch beim Lesen dieser Merkmale sofort Bücher ein, die Eigenschaften beider Genres verbinden. So ein Mix ist nicht unüblich, denn der Spaß am Rätseln und die Angstlust lassen sich gut miteinander kombinieren.
Krimis und Thriller ähneln sich auch in der Sprache, die meist eher sachlich und knapp ist. Ebenso finden sich thematische Parallelen. Nachdem der Schauerroman noch das Übernatürliche zum Erzeugen von Grauen bemüht hat, haben moderne Krimis und Thriller das Monströse längst als etwas Menschliches ausgemacht. Aber nicht nur die psychischen Abgründe von Einzeltäter·innen sorgen für Spannung, die Bedrohung ist oft eine gesellschaftliche, sogar eine globale. Korrupte Behörden oder skrupellose Konzerne vermitteln ein düsteres Weltbild, in der das Böse mit Lösung des Falls oft nicht besiegt ist.
Krimi vs. Thriller – hier noch einmal die wichtigsten Aspekte im Überblick:
- Ermittler•in im Labyrinth vs. Wettstreit zwischen Ermittler·in und Täter·in
- Rekonstruktion von Vergangenem vs. Durchleben einer gegenwärtigen Krise
- Rätselspannung vs. Angstspannung
- Identifikation mit Ermittler·in vs. Einblicke in psychische Abgründe
- rational vs. emotional
- rätselhafte Räume vs. furchteinflößende Räume
Als Quelle für diesen Beitrag diente vor allem »Spannend Schreiben. Krimi, Mord- und Schauergeschichten« von Christian Schärf. Der empfehlenswerte Ratgeber aus dem Duden-Verlag ist nur noch gebraucht erhältlich und bereits etwas älter, bietet aber einen informativen Überblick über die Ursprünge von Krimis und Thrillern, erläutert grundlegende Merkmale und regt mit abwechslungsreichen Aufgaben zum Schreiben an.
