Neben Handlung und Figuren ist die Sprache wohl das wichtigste Merkmal eines Romans. Sie prägt Ton und Atmosphäre und lässt das Geschriebene erst lebendig werden. Doch Floskeln und sprachliche Klischees stehen dem manchmal im Weg. Wie bekommt man ein Gespür für solche Floskeln? Und wann sind Klischees sinnvoll?
Phrasen und Floskeln – damit bezeichnet man Wörter und Wendungen, die oft gebraucht werden und sich dadurch abgenutzt haben. Sie sind inhaltsleer und drücken nichts Individuelles mehr aus. Oftmals sollen sie besonders stark, sinnlich und emotional wirken, bleiben aber kraftlos. Man denke an Ausdrücke wie »blitzschnell«, »eiskalt« und »pechschwarz«, an über Bäuche wandernde Hände oder den Kloß im Hals.
Sprachliche Klischees sind nicht per se schlecht oder falsch. Sie können zum Beispiel die klischeehafte Weltsicht einer Figur wiedergeben oder ironisch verwendet werden. Aber auch ein unironischer Gebrauch kann sinnvoll sein und wird in manchen Genres geradezu erwartet. Denn Klischees sorgen für Anknüpfungspunkte, sie sind vertraut und meistens gut verständlich.
Der bewusste Umgang mit sprachlichen Klischees
Für Autor·innen ist es ratsam, ein Gespür für Phrasen und Floskeln zu entwickeln. Sie müssen erkennen, wann ein Ausdruck erstarrt ist, und sollten Floskeln nicht verwenden, ohne sie zu hinterfragen. Für den bewussten Umgang ist u. a. entscheidend, zu wissen, wo man sich literarisch bewegt.
Vereinfacht kann man die belletristische Literatur auf einem Spektrum zwischen Schemaliteratur und Literaturliteratur einordnen (siehe Abbildung). Auf belastete Begriffe wie Trivialliteratur und Hochliteratur habe ich hier absichtlich verzichtet, denn es geht nicht darum, Bücher und ihre Leserschaft zu bewerten (oder abzuwerten). Stattdessen soll festgestellt werden, dass es verschiedene Literaturformen mit eigenen Zielgruppen gibt. Auch hinsichtlich Produktionsbedingungen gibt es große Unterschiede (in rascher Folge produzierte Heftreihen vs. über Jahre oder sogar Jahrzehnte entwickelter Roman etc.).

Wichtig ist hier vor allem, dass Schemaliteratur sich stärker an erprobten Konventionen orientiert. Klischees werden eher geduldet und erwartet. Zwischen Schemaliteratur und Literaturliteratur liegt allerdings ein weites Feld, dem man Begriffe wie gehobene Unterhaltung, Midcult oder Upmarket zuordnen kann. Die Grenzen sind fließend, Genreliteratur kann literarisch und innovativ sein, ein Gegenwartsroman trivial und klischeehaft anmuten.
Der Vergleich mit anderen und der Blick auf sich selbst
Wenn sich Autor·innen im Spektrum verortet haben, fällt es leichter, zu prüfen, welche Klischees es in diesem Bereich gibt und welche eventuell toleriert oder erwartet werden. Daher lohnt sich die Lektüre ähnlicher Bücher, auch um sich nicht die Blöße zu geben, aus Unwissenheit nichts als Floskeln zu reproduzieren. Denn wie Robert M. Schernikau einmal schrieb: »der erste mensch, der mein und dein reimte, war ein genie; der zweite ein trottel.«
Wichtig ist dabei, nicht nur darauf zu achten, welche Phrasen im ausgewählten Genre immer und immer wieder auftauchen. Auch im einzelnen Buch kann die Sprache erstarren, wenn Autor·innen auf den ersten Blick frische Ausdrücke zu oft wiederholen.
Mit diesem kritischen Auge sollte man schließlich auch auf das eigene Schreiben blicken und sich folgende Fragen stellen:
- Welche Ausdrücke und Sprachbilder habe ich unbewusst von anderen Autor·innen übernommen?
- Nutze ich bestimmte Floskeln automatisiert? Oder hinterfrage ich sie und eigne sie mir an?
- Welche Wörter und Wendungen tauchen in meinem eigenen Text häufig auf und werden so zu Klischees?
- Wie reagieren unterschiedliche Leser·innen auf die von mir verwendeten Floskeln? Was sagen Testleser·innen, Lektor·innen, Rezensent·innen oder Kritiker·innen?
Als Lektor·innen ist es uns ein Anliegen, die Sprache einer Geschichte immer im Kontext zu betrachten. Ein Unterhaltungsroman muss kein Sprachkunstwerk sein, und Klischees haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Dennoch achten wir immer darauf, dass die Sprache angemessen ist. Sie soll deine Welt, die Figuren darin und vor allem dich als Autor·in widerspiegeln.
