Mit seinem Krimi »Hen Na E – Seltsame Bilder« ist dem japanischen YouTuber und Schriftsteller Uketsu ein Welterfolg geglückt. Ein Blick ins Buch lohnt sich für Autor·innen, um herauszufinden, was diesen Roman so besonders macht und wie Uketsu von typischen Regeln des Kreativen Schreibens abweicht.
Eine Gestalt in einem schwarzen Ganzkörperanzug und mit unheimlicher weißer Maske tritt vor die Kamera und spricht mit verzerrter Stimme. Wer diese seltsame Person ist, weiß bis heute niemand – dabei ist Uketsu in Japan ein YouTube-Star und Bestsellerautor. Zuerst machte er mit kurzen surrealen Videos auf sich aufmerksam, später bannte er sein Publikum mit ausgeklügelten Krimi-Rätseln. Mittlerweile sind die Geschichten des mysteriösen Schriftstellers ein weltweites Phänomen und werden nicht nur als Roman, sondern auch als Kinofilm und Manga vertrieben.
Mit »Hen Na E – Seltsame Bilder« ist Uketsus erster Roman nun auch in Deutschland erschienen und schaffte es im Mai 2025 sogar auf Platz 1 der Krimibestenliste. Was den Krimi ausmacht, sind dabei in erster Linie die titelgebenden Bilder: Zahlreiche Zeichnungen, Diagramme und Tabellen finden sich im Buch abgedruckt und fordern die Leser·innen zum genauen Hinsehen auf. Aber was hat der Roman außer der originellen Gestaltung noch zu bieten?
Telling als Erzählstrategie
»Hen Na E – Seltsame Bilder« beginnt mit einem Prolog: Eine Psychologin zeigt Studierenden in einem Hörsaal eine auf den ersten Blick gewöhnliche Kinderzeichnung und erklärt, wie man anhand eines Bildes Einblicke in die Psyche des Urhebers gewinnen kann – in diesem Fall ein elfjähriges Mädchen, das seine Mutter getötet hat.
Die Leser·innen werden hier nicht nur gemeinsam mit den Studierenden mit dem Grundkonzept des Romans vertraut gemacht, sie lernen auch gleich den Erzählstil kennen, der das Buch ausmacht. Uketsus Sprache ist schnörkellos und sachlich, knapp beschreibt er Handlungen, gibt Dialoge wieder und benennt, was geschieht. Verwunderung, Schock und Ratlosigkeit etwa werden nicht lebendig in Szene gesetzt, sondern beim Namen genannt.
Während der Fall an sich bis zum Finale rätselhaft bleibt und Fragen aufwirft, werden Gefühlsregungen der Figuren klar benannt. Es handelt sich also um Telling, die Geschichte wird eher vermittelt als erlebbar gemacht. Als Leser·in ist man nicht im Moment der Handlung, sondern schaut zurück auf rekonstruierte Ereignisse.
Kann das funktionieren? Die bekannte Rat an Schreibende lautet schließlich »Show, don’t tell«, er rät zu szenischer Darstellung sowie lebendigen Details und warnt vor Distanz und Abstraktion.
Schreibtipps sind allerdings keine in Stein gemeißelten Gesetze, sie unterliegen Trends und Moden, sie können sehr einflussreich sein, für manche Erzähltraditionen sind sie jedoch von geringer Bedeutung. Während das Schreiben westlicher Unterhaltungsliteratur stark durch US-amerikanische Creative-Writing-Tipps geprägt ist und Telling bisweilen geradezu verteufelt wird, gelten in vielen Genres, Regionen und Kulturen andere Maßstäbe.
»Hen Na E« bietet im literarischen Sinn keine schöne oder raffinierte Sprache, aber Uketsu gelingt es, durch seinen nüchternen Erzählstil die Geschichte wirklichkeitsnah erscheinen zu lassen. Denn obwohl die Ereignisse ganz offensichtlich konstruiert und dramatisiert (und teils etwas melodramatisch) sind, wirken sie real und glaubwürdig. Und diese liegt unter anderem an der Sprache, die nach einem Tatsachenbericht klingt und damit an Zeitungsartikel, True-Crime-Podcasts und ähnliche Textformen anknüpft.
Stimmiges Gesamtkonzept
Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die »seltsamen Bilder« im Buch als mehr als nur ein originelles Gimmick. Sie unterstreichen noch einmal die Glaubwürdigkeit der Geschichte und wirken wie authentische Dokumente. Auffällig ist auch, dass in der deutschen Ausgabe die japanischen Beschriftungen beibehalten wurden, obwohl diese vermutlich von den wenigsten Leser·innen entschlüsselt werden können. Dies verstärkt den Eindruck, dass es sich hier um echte Aufzeichnungen handelt, die im Original abgebildet und lediglich durch deutschsprachige Anmerkungen ergänzt werden.
So ergibt sich ein stimmiges Gesamtkonzept, das auch Leser·innen überzeugen kann, die Telling in fiktionalen Texten als störend empfinden. Denn genau dieses Verwischen der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist Uketsus erzählerische Strategie, die er mit »Hen Na E – Seltsame Bilder« umsetzt. So wie der Autor sich selbst online als eine Art Anime-Figur inszeniert, so inszeniert er seine Roman als authentisches Dokument. Kunstvoll ist hier nicht die Sprache, sondern die verschachtelte Erzählweise.
Show und Tell im Zusammenspiel
Der Ratschlag »Show, don’t tell« hat seine Berechtigung. Denn vor allem Schreibanfänger·innen ist der Unterschied zwischen szenischem Erzählen und der zusammenfassenden Vermittlung oft nicht bewusst, worunter der Text leiden kann.
Zugleich kann der Tipp missverstanden werden und dazu verleiten, Telling ganz zu vermeiden.
Im Lektorat ist es uns wichtig, auf ein sinnvolles Zusammenspiel von Show und Tell zu achten. Es ist nicht zielführend, stumpf Schreibregeln zu befolgen. Stattdessen achten wir auf Zusammenhänge und beraten euch, welches Vorgehen für euch stimmig ist. Denn nicht nur Genres und literarische Traditionen und Kulturen haben ihre eigenen Konventionen – jeder Text sollte nach seinen eigenen Maßstäben bewertet werden.
