Was kann man von »Darkness – Wettlauf mit der Zeit« lernen?

In mehr als 20 Büchern des Autoren-Duos Douglas Preston und Lincoln Child durfte der FBI-Spezialagent Aloysius Pendergast mittlerweile schon ermitteln und dabei Serienkillern und übernatürlichen Machenschaften auf die Schliche kommen. Auch der achte Teil »Darkness – Wettlauf mit der Zeit« bietet schnell getaktete und recht grelle Thriller-Unterhaltung, die nicht ohne Klischees auskommt. Das kann man mögen oder auch nicht. In diesem Beitrag geht es aber vor allem darum, in welchen Aspekten man Preston und Child nicht unbedingt nacheifern sollte.

Eines gleich vorweg: Der Beitrag versteht sich nicht als eine grundlegende Kritik an den Pendergast-Romanen oder den Autoren. Ich selbst habe einige Teile der Reihe sehr gern gelesen, besonders der erste Band »Relic – Museum der Angst« (1997), in dem Pendergast nur eine Nebenfigur ist, bietet kurzweilige Unterhaltung in Form eines typischen 90er-Jahre-Technothrillers.

Da kann »Darkness« aus dem Jahr 2007 nicht ganz mithalten. Die Story um ein dämonisches Mandala, das eine Schifffahrt über den Atlantik zum Höllenritt werden lässt, ist reichlich überdreht und hat einige Längen. Ein Blick ins Buch lohnt sich dennoch, denn Preston und Child verstehen es durchaus, flott und atmosphärisch zu erzählen. Woran es jedoch sprachlich hapert, soll im Folgenden aufgezeigt werden. Dabei beziehe ich mich auf die deutsche Übersetzung, für deren ganz spezielle Macken die Autoren selbstverständlich nicht verantwortlich sind. 

Lektion 1 

»Der Jeep raste um eine Kurve am Berghang, polterte aufspritzend durch eine Reihe riesiger, schlammiger Schlaglöcher und bog auf eine breite, unbefestigte Straße ein, die in ein sumpfiges Tal unweit der tibetisch-chinesischen Grenze führte.« 

»Das magische Licht Venedigs fiel durch die Fenster und erfüllte der prachtvollen Raum mit goldenem Glanz.« 

»Fleckige blau-goldene Polyester-Auslegeware bedeckte den Boden, die Wände waren mit wasserfester goldener Strukturtapete verkleidet.« 

»Ringsum setzte das leise Gemurmel der schleppenden Gespräche, das wegen der heftigen Streiterei verstummt war, wieder ein.« 

»Schlanke, elegante, fremdländische Kellner eilten mit dem Hauptgericht herein.« 

»… nur pechschwarze, schreckliche, unerbittliche Kälte.« 

Was fällt auf? Preston und Child nutzen häufig Adjektive. In manchen Sätzen steht bei beinahe jedem Substantiv ein Adjektiv, mitunter finden sich sogar zwei oder drei. Problematisch ist das aus mehreren Gründen: 

  • Der Text wirkt stilistisch überladen.
  • Es werden für die Handlung unwichtige Details benannt. Ob die Straße nahe der Grenze, die in nur einem Satz auftaucht, nun breit oder schmal ist, ist ebenso uninteressant wie die Tapete eines Raumes, der keine große Rolle spielt. Solche genauen Beschreibungen sollten relevanten Aspekten vorbehalten sein und dürfen das Tempo eines Thrillers nicht drosseln. (Solche überflüssigen Informationen tauchen in »Darkness« übrigens nicht nur in Form von Adjektiven auf: »… und blickte ruhig auf den 32,2-Zoll-Plasmabildschirm des Northstar-941XDGPS-Kartenplotters, auf dem Infonav 2.2 lief.«)
  • Manche Adjektive erklären eher, als dass sie Bilder erzeugen. Das »magische« Licht etwa sollte idealerweise nicht benannt werden, sondern die Lichtstimmung sollte so in Worten eingefangen werden, dass die Leser·innen denken: »Magisch!«

Die Fragen, die sich Autor·innen (und Lektor·innen) stellen sollten, sind: 

  • Benötigt das Substantiv überhaupt ein ergänzendes Adjektiv?
  • Welches Adjektiv vermittelt die erwünschte Wirkung am präzisesten?
  • Erzeugen die gewählten Adjektive einen lebendigen Eindruck?

Lektion 1b 

»Hastig und schnell antwortete er …« 

»Minuten vergingen, in denen Pendergast von drinnen ein leises Flüstern vernahm.« 

»Sie zeigten einen jungen, sportlichen, gutaussehenden Mann von Ende zwanzig …« 

Auch in diesen Sätzen finden sich wieder zahlreiche Adjektive, doch neben der Menge gibt es noch ein weiteres Problem: Die Adjektive erzeugen unnötige Wiederholungen. 

  • Wenn jemand hastig antwortet, versteht sich von selbst, dass damit eine gewisse Schnelligkeit einhergeht.
  • Ein Flüstern ist der Definition nach leise.
  • Wenn das Alter des sportlichen gutaussehenden Mannes genannt wird, können die Leser·innen selbst einschätzen, ob er nun jung oder alt ist.

Adjektive sind dann sinnvoll, wenn sie nicht bloß Selbstverständliches ausdrücken, sondern dem Text eine neue Nuance oder eine Wendung hinzufügen (»ein trauriges Lachen«, »ein erstickter Schrei« etc.). 

Lektion 2 

»Hinter dem verlassenen Dorf verengte sich der Pfad jäh zu einem extrem schmalen Grat. Die beiden Reisenden kämpften sich gegen den ungeheuer heftigen Wind voran …« 

»… sagte der Mann leise und nickte in Richtung der großen Vögel, die völlig furchtlos zwischen den Knochen herumhüpften.« 

»Er zählte zu den ganz wenigen Mönchen, die Englisch sprachen …« 

»Aber es gab einen Punkt der vollkommenen Balance, und allmählich – sehr allmählich – fand sie ihn.« 

»… weil es immer so tief und kalt aussah. Und endlos – so sehr, sehr endlos.« 

Verstärkungen wie »extrem«, »ungeheuer«, »völlig«, »ganz« oder »sehr« machen einen Text nicht unbedingt stärker. Im Gegenteil: Es kann der Eindruck entstehen, dass die Autor·innen ihren eigenen Worten nicht trauen und daher auf solche effekthascherischen Hilfsmittel setzen. Bei Preston und Child wirkt der Einsatz manchmal sogar unfreiwillig komisch, etwa wenn dem »endlos« nicht nur ein, sondern gleich zwei »sehr« vorangestellt werden. Weniger ist manchmal eben mehr. 

Lektion 3 

»Die Luft roch nach Schwefel und Petroleum.« 

»Das Büro roch nach Gebratenem und Hoisin-Sauce.« 

»Vor Constance roch es nach Feuchtigkeit und nassem Gestein.« 

»… Hotellobby, in der es nach gedünsteten Zwiebeln und abgestandenem Zigarettenqualm roch.« 

Das Einbinden der Sinne ist sicherlich eine Stärke von Preston und Child. So werden zum Beispiel allerlei Gerüche beschrieben. Dabei gehen die Autoren vielleicht etwas zu pflichtbewusst zur Sache, denn die Duftbeschreibungen sind wirklich zahlreich. Anhand der kleinen Auswahl fällt zudem ein Muster auf: In »Darkness« riecht es meist nach zwei Sachen zugleich. Das nicht falsch, da dieses Muster jedoch so oft im Roman auftaucht, wird es vorhersehbar und nutzt sich irgendwann ab. Leichte Variationen könnten hier bereits Abhilfe schaffen, etwa indem man ab und zu auf andere Verben als »riechen« zurückgreift. 

Interessant sind auch folgende Duftbeschreibungen. Sie sind sich nicht nur recht ähnlich und wirken daher wie eine Wiederholung, sie sind auch mit Adjektiven überfrachtet und letztlich etwas seltsam (was einen gewissen Charme haben kann). 

»… ein kalter, kellerähnlicher Gestank nach Schimmel und toten, schmierigen Tausendfüßlern.« 

»… mit dem klebrigen Geruch nach feuchtem, schimmeligem Keller, glitschigen Insekten und schlaffen Leichnamen …« 

Solche Wiederholungen finden sich viele weitere in »Darkness«. Dabei sind oft nicht die Formulierungen an sich das Problem, sondern dass sie zu häufig wiederholt werden und damit floskelhaft wirken. So auch das lange Schweigen, das sich trotz Variationen im Satzbau schnell abnutzt und einfallslos erscheint: 

»Wieder entstand ein – überaus langes – Schweigen.« 

»Ein langes Schweigen entstand.« 

»Dieser Frage folgte ein langes Schweigen.« 

»Langes Schweigen.« 

Lektion 4 

»Er spürte, wie sein Herz plötzlich vor Angst schneller schlug.« 

»Er spürte geradezu, wie ihm der Schweiß aus den Achselhöhlen rann.« 

»LeSeur spürte, wie ihm der Schweiß und das Blut das Gesicht hinabrannen und ihm in die Augen stachen.« 

Auch wenn die Anzahl an Filterverben wie »sehen«, »hören« etc. in »Darkness« nicht auffällig hoch ist, so gibt es doch ein paar Beispiele, in denen »spüren« benutzt wird. Allgemein ist es nicht nötig, Wahrnehmungen mit einem Filterverb zu beschreiben. Wenn eindeutig ist, um wessen Empfindungen es sich handelt, können diese einfach im Hauptsatz beschrieben werden. Zum Beispiel: 

  • Sein Herz schlug plötzlich vor Angst schneller. (Man könnte auch auf das Telling in Form von »vor Angst« verzichten.)
  • Der Schweiß rann ihm aus den Achselhöhlen.
  • Schweiß und Blut rannen ihm das Gesicht hinab und stachen ihm in die Augen. 

Die wichtige Information steht somit im Hauptsatz, und die geschilderte Empfindung wirkt direkter. 

Lektion 5 

»Die Stille, die sich über den matt erleuchteten Salon der Tudor-Suite gesenkt hatte, strafte die unterschwellige Spannung Lügen.« 

»Neonröhren, verborgen hinter Deckenpaneelen, spendeten ein harsches Licht.« 

»… zog das Hemd von seinem weißen, wohlmodulierten Körper …« 

Manche Sätze klingen vielleicht gut oder nutzen eine vertraute Redewendung, die beim schnellen Lesen unauffällig wirkt. Die Sprache eines Romans sollte allerdings immer so sorgfältig und präzise gewählt werden, dass sie auch einem genauen Blick standhält. Daher gilt es, die Wortwahl zu hinterfragen und die Bedeutung von Fremdwörtern zu überprüfen. Was ist also das Problem mit den Zitaten? 

  • Etwas Lügen zu strafen, bedeutet, aufzuzeigen, dass etwas nicht der Wahrheit entspricht. Was aber heißt es, wenn hier die Spannung Lügen gestraft wird? Dass es gar keine Spannung gibt? Der Satz ist unsinnig.
  • »Licht spenden« ist ein weit verbreiteter Ausdruck. Ähnlich wie bei »Trost spenden« oder »Schatten spenden« ist damit jedoch der Gedanke verbunden, dass etwas Positives geschieht: »Die Kerze spendete ein wenig Licht in der Dunkelheit.« Das harsche, also unfreundliche Licht der Neonröhren hingegen soll einen unbehaglichen Eindruck erzeugen. Stimmiger wäre etwa: »Neonröhren tauchten den Raum in ein harsches Licht.«
  • Der Körper im dritten Zitat soll vermutlich wohlmodelliert oder wohlgeformt sein. Wohlmoduliert kann hingegen eine Stimme sein, denn »modulieren« beschreibt, dass Klang, Sprache oder Intonation kunstvoll abgewandelt werden. 

Fazit

In »Darkness« von Preston und Child finden sich einige sprachliche Macken. Der Text ist oft überladen mit Wiederholungen und unwichtigen Informationen, so manche Formulierung wirkt etwas schräg. Wäre der Roman besser, würde man als diese Makel beheben?

Ich denke, das Buch würde definitiv von weniger Redundanzen und einer präziseren Sprache profitieren. Gerade einem Thriller verzeihen die Leser·innen Leerlauf und Schwulst oft nicht. Bei einigen Punkten könnte man jedoch argumentieren, dass diese gerade erst den Charme von »Darkness« und der Pendergast-Reihe ausmachen. Die manchmal unfreiwillig komischen Übertreibungen, die plakative Sprache und die eigenwilligen Bilder passen gut zu den an B-Movies erinnernden Storys voller knalliger Effekte und Kinoklischees.

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