Fiebern wir mit einer Figur mit und erleben hautnah, was sie erlebt? Oder schauen wir aus der Ferne auf das Geschehen und bleiben unbeteiligt? Das Erzeugen von Nähe ist ein wirkungsvolles Mittel, um Leser·innen an einen Text zu binden. Doch es gibt einiges zu beachten.
Immer wieder liest man Ratschläge, die zu kurz gedacht sind. Da heißt es etwa, dass die Leser•innen eines Romans möglichst nah an die Hauptfigur rücken sollen und diese Nähe sei vor allem eine Frage der Perspektive: Die Ich-Perspektive sei am nächsten an der Figur, der auktoriale Erzähler hingegen distanziert, während die personale Perspektive irgendwo dazwischen liege.
Mal abgesehen davon, dass es durchaus sinnvoll sein kann, auf Distanz zu Protagonist·innen zu gehen: Die Perspektive allein entscheidet nicht über die Nähe zu den Figuren, jede Perspektive kann unterschiedlich und dynamisch gestaltet werden. Ich-Erzähler können verschlossen sein, sich entziehen und manipulativ auswählen, was sie berichten. Der personale Erzähler kann eher kühl oder mitfühlend sein. Und über den auktorialen Erzähler, den sie »involved author« nennt, schreibt Ursula K. LeGuin:
[Some fiction writers] believe the narrator’s voice (ponderously described as “omniscient”) distances the story — whereas it’s the most intimate voice of all, the one that tells you what is in the characters’ hearts, and in yours. The same fear of “distancing” leads writers to abandon the narrative past tense, which involves and includes past, present, and future, for the tight-focused, inflexible present tense.
Damit spricht LeGuin gleich einen weiteren Irrglauben an: Das Erzählen im Präteritum ist nicht per se distanzierter als das im Präsens. Wer meint, man bräuchte bloß die Gegenwartsform wählen, um einen emotionalen Zugang zu den Protagonist·innen zu erhalten oder ein großes Identifikationspotenzial zu schaffen, unterschätzt die Arbeit, die wirklich zu leisten ist.
Zusammenspiel aus Perspektive und Sprache
Selbstverständlich kann die Perspektive dabei helfen, die Distanz zu einer Figur zu verringern. Verbringt man etwa viel Zeit an der Seite einer einzelnen Figur, wie es oft bei der Ich- oder der personalen Perspektive der Fall ist, kann sich leichter ein Gefühl der Nähe einstellen. Zugleich gibt es aber lügende, abstoßende, geheimniskrämerische oder in Bezug auf sich selbst unwissende Ich-Erzähler – oder solche, die wenig von sich erzählen, sondern uns vorwiegend vom Leben anderer Figuren berichten.
Entscheidend ist das gemeinsame Wirken aller Aspekte eines Romans, um die Entfernung zwischen Figuren und Leser·innen zu bestimmen. Bereits kleine sprachliche Anpassungen können eine große Wirkung haben. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob der personale Erzähler den Protagonisten beim Vor-, Nach- oder Spitznamen nennt. Ob Frodo, Mrs Dalloway, Josef K. oder der Junge — das beeinflusst bereits, wie wir die Figur wahrnehmen.
Sprachliche Klischees können hingegen den Zugang zu einer Figur verbauen. Wenn jemandem etwa ein Kloß im Hals steckt, sein Herz wie wild in der Brust pocht und er spürt, wie ein eiskalter Schauer seine Rücken hinunterzieht, dann rückt man der Figur durch Beschreibung körperlicher Reaktionen zwar ganz schön auf die Pelle. Genau genommen handelt es sich jedoch um austauschbare Floskeln, die oberflächlich bleiben und nichts Individuelles über die Figur offenbaren.
Nähe zu erzeugen, bedeutet nicht, jedes Seufzen, Schnauben und Augenbrauenhochziehen zu registrieren, sondern die große Stärke des Romans zu nutzen: die Möglichkeit, in die Gedanken- und Wahrnehmungswelt der Figuren einzutauchen.
Erlebte Rede nutzen
Das Innenleben der Figuren auf unmittelbare Weise erkunden zu können, unterscheidet den Roman von anderen Medien wie dem Film. Gedanken können direkt dargestellt werden, etwas als Bewusstseinsstrom oder innerer Monolog. Beide Darstellungsformen haben jedoch Nachteile: Während der Bewusstseinsstrom mit seinen Gedankenfetzen und sprunghaften Assoziationen leicht anstrengen und befremden kann, wirkt der innere Monolog (genau wie manche Ich-Erzählung) schnell theatralisch. Unsere Gedanken sind selten ausformuliert, vor allem längere Passagen wirken meist unnatürlich.
Ein bewährtes Mittel ist hingegen die erlebte Rede. Hier verschmelzen Figur und Erzähler sozusagen. Die Sprache behält dabei die Lebendigkeit eines wörtlichen Zitats, wird aber durch den Erzähler so vermittelt, dass sie innerhalb der Geschichte nicht störend auffällt. »Das war ihr zu blöd!« könnte es dann etwa heißen statt: »Das ist mir zu blöd, dachte sie.«
Auch hier gilt wieder, dass es kein Patentrezept gibt. Mal kann es sinnvoll sein, erlebte Rede zu nutzen, mal hat ein wörtliches Zitat mehr Kraft, und mitunter genügt auch eine Zusammenfassung durch den Erzähler (»Das passte ihr nicht.«)
Stimmen verschmelzen lassen
In einem Roman mit personaler Perspektive hören wir in der Regel zwei Stimmen: Die der Figur, zum Beispiel wenn sie spricht oder ihre Gedanken wörtlich zitiert werden, und die des Erzählers. Ein Merkmal des modernen Romans ist jedoch, dass sich die Stimmen vermischen und oft gar nicht klar zu entscheiden ist, wer von beiden spricht. Der Erzähler kann etwa auf das emotional gefärbte Vokabular der Figur zugreifen:
- »Mist!«, schimpfte sie und stolperte durch das Hyazinthenbeet davon.
- »Mist!«, schimpfte sie und stolperte durch diese blöden Blumen davon.
Der erste Satz lässt vermuten, dass die Stimmen von Figur und Erzähler getrennt sind. Die präzise Bezeichnung der Blumen wirkt eher distanziert in diesem Moment der Aufregung. Im zweiten Satz wird die Stimmung der Figur hingegen durch die Wortwahl im Erzähltext aufgegriffen. Der Erzähler leiht sich die Stimme der Figur und macht sie sich zu eigen.
Eine gewisse Distanz zwischen Erzähler und Figur kann durchaus erwünscht sein. Sie kann aber auch problematisch sein, zum Beispiel wenn ein Kind Hauptfigur ist. Entfernt sich die Sprache des Erzählers zu weit von der kindlichen Wahrnehmung, kann das unauthentisch und aufgesetzt wirken.
Um Nähe (oder Distanz) zu erzeugen, kann man sich also folgende Fragen stellen:
- Verbringen die Leser·innen viel Zeit an der Seite der Figur?
- Wie benennt der Erzähler die Figur? Wie positioniert er sich dadurch zu ihr?
- Erlaubt die gewählte Perspektive Einblicke ins Seelenleben der Figur?
- Wird sie auch von außen durch andere beschrieben? Erzeugt das eher Distanz oder erscheint sie dadurch komplexer und näher?
- Werden individuelle Wahrnehmungen und Gedankengänge dargestellt? Oder bleibt der Text auf der Ebene der körperlichen Reaktionen (Gestik, Mimik etc.)?
- Kommt die Stimme der Figur durch wörtliche Dialoge und erlebte Rede zur Geltung?
- Greift der Erzähler den Wortschatz der Figur auf und gibt ihren Wahrnehmungen und Gefühlen so Raum?
Es gibt also viele Faktoren, die gemeinsam wirken. Im Lektorat ist es uns wichtig, nicht bloß einzelne Punkte herauszupicken, sondern auch ihr Zusammenspiel zu prüfen. Nur so kann die gewünschte Nähe zu den Figuren erzeugt werden.
