„Der neue Kracht ist da“ und „Romantasy zerstört den Buchmarkt“ sind zwei Aussagen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Tatsächlich sind die beiden aber verwandt – und zwar deshalb, weil sie etwas über den Stand von Autorenschaft in unserer Zeit sagen.
Werke unter ihren Autor*innen zu subsumieren und damit Schreibende symbolisch über ihre Werke zu stellen, ist in unserer Zeit selbstverständlich. Die letzten großen Messen warben weniger mit den Werken als mit dem Personenkult um bestimmte Schreibende. Manche gehen davon aus, dass das schon immer so war – tatsächlich ist Autorenschaft aber ein ziemlich neues Phänomen.
Mündlichkeit und Shakespeare
Erzählen bedeutete die allerlängste Zeit, dass man etwas mündlich weitergab. Diese Erzählungen waren weitgehend autor*innenlos – man konnte in den meisten Fällen nicht sagen, wer eigentlich Urheber*in einer Erzählung war. Darunter fallen nicht nur Märchen und Mythen, sondern teilweise auch Bücher, die wir derzeit in der Schule oder im Studium lesen. Bis heute streitet man sich darüber, wer eigentlich Shakespeare war und ob bestimmte Werke, die unter seinem Namen laufen, von ihm geschrieben wurden. In der Shakespeare-Forschung gab es zeitweilig sogar den Ansatz, dass „Shakespeare“ für eine Gruppe von Schreibenden stand oder das Pseudonym einer Autorin war. Shakespeare hat seine Werke nie selbst in den Druck gebracht, sie wurden sieben Jahre nach seinem Tod von seiner Theatertruppe herausgegeben.
Shakespeare war ein schwacher Autor, der lange nach seinem Tod zu einem starken Autor und Genie gemacht wurde. Sein Name wurde zu einem Gütesiegel.
Schwache Autorenschaft
Schwache Autorenschaft liegt dann vor, wenn der Text im Vordergrund steht. Die Philosophie hinter der schwachen Autorenschaft ist die, dass nicht etwa ein einzelnes Genie ein Werk schafft, sondern dass wir alle (unterbewusst und bewusst) Stoffe rekombinieren, die wir anderswo aufgegriffen haben. Zeitweilig merkt man das auch heute noch, wenn wir davon sprechen, an welche Bücher unsere Bücher erinnern, an welche literarischen Traditionen wir anschließen. Schwache Autorenschaft geht oft so weit, dass auf den Büchern nicht angegeben ist, wer sie verfasst hat.
Starke Autorenschaft
Starke Autorenschaft finden wir vor allen Dingen ab 1709. 1709 wurde in England der Copyright Act verabschiedet, der Autoren das Besitzrecht an ihren Texten einräumte. Dies machte Kunst erstmals zu einem Produkt, das nicht kopiert werden durfte. Da Copyright nur originale Gedanken schützt, hörten Autoren auf, ihre Inspirationsquellen offen zu nennen. Wegen der Produktionsbedingungen war es jedoch nie so, dass Schreibenden ihr Text wirklich allein gehörte. Es gab zu der Zeit Patrone, die Schreibende finanziell unterstützten und dafür Teilhabende des Werks wurden. Das ist das Prinzip, das schließlich zur Verlagswelt führte, wie wir sie heute kennen.
Übrigens: Der Gedanke des Autors als „Genie“, also alleiniger Urheber, der eine Geschichte unabhängig von Umfeld und Inspiration entwirft, hat sich dann in Deutschland in der Zeit des Sturm und Drang gefestigt – Goethe war daran maßgeblich beteiligt.
Der heutige Literaturbetrieb
Man findet sowohl starke und schwache Autorenschaft im heutigen Kulturbetrieb. Als starke Autorenschaft werden Autor*innen bezeichnet, die „nicht direkt für die Ewigkeit, so doch wesentlich für die Nachwelt“ (Assmann) schreiben. Schwache Autor*innen veröffentlichen in kurzen Konjunkturzyklen, auflagenstark, werden aber im kulturellen Gewebe schnell vergessen. Seit dem 19. Jahrhundert fallen meist Werke von Frauen (bzw. FLINTA*) unter die schwache Autorenschaft – und das hatte nie etwas mit der Qualität des Geschriebenen zu tun, sondern damit, dass in der Gesellschaft der Begriff des Genies durchweg männlich belegt war. Oscar Wilde sagte zum Beispiel:
„No woman is a genius. Women are a decorative sex. They never have anything to say, but they say it charmingly. Women represent the triumph of matter over mind, just as men represent the triumph of mind over morals.”
Heutzutage zeigt sich dieses Denken in unterschiedlichen Teilen des Literaturbetriebs auf unterschiedliche Weise. So wird auf der FBM durchaus mit Autor*innen (inklusiv) geworben (starke Autorenschaft), doch in literaturjournalistischen Kreisen werden gerade Werke von Frauen regemäßig herabgewürdigt und als Saisonware wahrgenommen (schwache Autorenschaft). Auch die Publikationszyklen in Genres, in denen gerade FLINTA* schreiben, werden immer kürzer, und die Bücher verschwinden schneller vom Markt.
(Quellen: Aleida Assman. Einführung in die Kulturwissenschaft. 2011.)
