»Der literarische Kanon« − Literaturkritiker*innen reden gern darüber, messen Modernes am Kanon. Die mögliche Kanonisierung eines Romans gilt dabei als Ritterschlag. Aber was heißt das eigentlich?
Kanon/Kanonisierung: Was heißt das?
Ein Kanon ist eine Liste von Texten, die unsere Bildung und kulturelle Identität begründen. Es gibt nicht ›den einen Kanon‹, aber diverse Listen, die sich mehr oder minder auf einen Kern an Werken beziehen (solche Listen finden sich in Zeitungen, aber auch in Werken wie »Der Kanon« von Marcel Reich-Ranicki).
Drei Kriterien zeichnen Werke des Kanons aus: Auswahl, Wert und Dauer. ›Auswahl‹ bedeutet, dass jemand sie bewusst ausgewählt hat. Im Umkehrschluss heißt das: Was nicht in den Kanon aufgenommen wird, darf vergessen werden. ›Wert‹ bedeutet in diesem Falle auch ›Wertschätzung‹: Nicht umsonst bedeutet Kanonisierung ›Heiligung‹, egal, ob es dabei um Texte oder Personen geht. Der Kanon soll als ästhetischer und moralischer Kompass dienen, ähnlich wie religiöse Schriften. ›Dauer‹ ist dabei besonders wichtig: Es soll sichergestellt werden, dass jede Generation Zugriff auf genau diese Auswahl an Literatur hat.
Kanon als Kampfbegriff
Kanon und Kanonisierung sind demnach Begriffe der Identitätspolitik. Wir zeigen durch unseren Kanon unsere Geschichte, aber auch, welche Werte wir repräsentieren wollen. Er wird in der Schule unterrichtet, er ist ein fester Bestandteil des Germanistikstudiums (denn da findet auch die Ausbildung der Lehrkräfte statt), aber auch in Diskussionen über Literatur wird der Kanon herangezogen, um als Messlatte für neuere Werke zu dienen. Oder um zu sagen: Das sind wir.
Wer bestimmt den Kanon?
Die Zuschreibung von Werken zum Kanon erfolgt in der Regel durch Akademiker*innen und öffentliche Diskurse (die nicht selten durch eine gebildete, homogene Schicht geführt werden). Dadurch werden Werke von Frauen und marginalisierten Gruppen oft ausgeschlossen. Der Kanon wird reproduziert (in Schulen, Unis, Diskussionen) und erhält sich damit selbst.
Als Beispiel: Reich-Ranickis ›Must Reads‹ für junge Deutsche sind Werther, Effi Briest, Buddenbrooks, Der Prozess, Faust (1) und irgendein Werk von Schiller und Kleist. Ähnlich homogen sah eine Liste Der Zeit aus, die 2018 veröffentlicht wurde. Die bestand zu 91 % aus Werken von Männern. Daraufhin initiierten Sibylle Berg und andere einen Kanon aus Werken, die nur von Frauen stammen. Dies hatte aber natürlich nicht dieselbe Reichweite, weil dahinter nicht der Bildungsapparat aus Schule, Studium, Kritiker*innen-Diskussionen steckte, der den ›konventionellen Kanon‹ erhält.
Finale Gedanken und Fakten zum Kanon
- Der Kanon wird nicht nach Verkaufszahlen generiert. Es gab zu der Zeit der typischen Kanon-Schreibenden andere Werke (auch von Frauen und marginalisierten Gruppen), die sich deutlich besser verkauft haben. Der Geschmack einer sehr kleinen Gruppe war verantwortlich für die Wahl.
- Kanon zeigt nicht den Ist-Zustand einer Kultur, auch wenn Kritiker*innen das gern anders sehen wollen. Kanon ist ein Soll-Zustand – eine Art, wie wir uns moralisch und ethisch ausrichten sollen. (Das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass zur Zeit des Nationalsozialismus staatlich ein anderer Kanon vorgegeben war und bestimmte Werke ausgeschlossen wurden. Oder dass in den USA derzeit Bücher verboten werden.)
- Kanon ist kein wünschenswerter Ist-Zustand für moderne Werke. Manchmal bekommen wir Anfragen von Autor*innen, die denken, sie hätten bei Agenturen bessere Chancen, wenn sie wie Kafka, Schiller oder Goethe schreiben, denn das seien ja Klassiker. Sprache hat sich aber weiterentwickelt, Inhalte auch, daher empfehlen wir vor allen Dingen die Orientierung an Autor*innen, die im selben Genre schreiben und bestenfalls in diesem (oder zumindest dem letzten) Jahrhundert.
- Kanon kann aufgebrochen werden, indem man den Diskurs ändert. Im Schulunterricht andere Werke zu lesen, an Universitäten auch Werke abseits des typischen Kanons vorzustellen, ja, sich als schreibender Mensch nicht an den Klassikern zu orientieren, sondern aus vielfältigen Quellen zu schöpfen, kann helfen, die literarische Identität ein wenig vielfältiger und moderner zu gestalten.
Quellen:
Aleida Assmann: Einführung in die Kulturwissenschaft. 2011.
Der Spiegel, 18. Juni 2001, Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki
