Mit »Fight Club« hat Chuck Palahniuk nicht nur einen Kultklassiker der 90er-Jahre geschrieben, sondern auch eine literarische Tradition fortgesetzt: den Minimalismus. Was macht diese Art des Schreibens aus? Und wie können Autor·innen sie für sich nutzen?
Lektor·innen sind der Öffentlichkeit selten namentlich bekannt, doch ein Lektor ist vor allem in der US-amerikanischen Literaturszene berühmt-berüchtigt: Gordon Lish, der von 1977 bis 1995 Lektor bei Alfred A. Knopf war und maßgeblich die Literatur dieser Zeit prägte. Vor allem seine Zusammenarbeit mit dem Kurzgeschichten-Autor Raymond Carver war äußert produktiv. Carvers knappe Prosa machte ihn weltberühmt – erst nach seinem Tod kam jedoch heraus, wie stark Lish zum Beispiel über umfassende Kürzungen mitverantwortlich für Carvers Stil war.
Nicht nur als Lektor, sondern auch als Schriftsteller und Schreiblehrer versuchte Lish, seine Vorstellungen von Literatur durchzusetzen. Dass er dabei nicht zimperlich vorging, berichten viele seiner ehemaligen Schüler·innen. Autor·innen wie Tom Spanbauer jedoch griffen Lishs Lektionen auf und gaben sie in Workshops weiter. »Dangerous Writing« nannte Spanbauer seine Kurse, an denen unter anderem auch Chuck Palahniuk teilnahm. Wie hat »Dangerous Writing« Palahniuk beeinflusst? Und was macht diese Art des minimalistischen Schreibens aus?
Konkret statt abstrakt
Typisch für den Minimalismus, wie Palahniuk ihn vertritt, ist ein Fokus auf das Konkrete:
- Es werden vor allem Handlungen und körperliche Wahrnehmungen dargestellt, wobei verstärkt Verben und nur wenige Adjektive benutzt werden. Vor allem einordnende Adverbien (»glücklich«, »wütend«, »hungrig« etc.) sollen vermieden werden.
- Stattdessen sollen spezifische sinnliche Details wiedergegeben werden, die die Leser·innen emotional involvieren.
- Das Vokabular ist eher begrenzt und der Satzbau simpel.
Zugleich sollen Abstraktionen vermieden werden, darunter fallen:
- Verben, die Denkprozesse beschreiben (»denken«, »wissen«, »glauben« etc.) und
- Maß- und Altersangaben (»zwei Meter groß«, »achtzehn Jahre alt« etc.).
Die Sprache des gefährlichen Schreibens
In seinen »Dangerous Writing«-Kurse nutzte Spanbauer ganz eigene Begriffe, die teils auf Lish zurückgehen. Die zentralen Begriffe sind:
- Horses (Pferde): Horses sind Themen und Motive, die durchgängig genutzt werden, um die Geschichte voranzuziehen. Sie können auch Passagen miteinander verknüpfen, die auf den ersten Blick unverbunden wirken.
- Burnt Tongue (verbrannte Zunge): Mit Burnt Tongue bezeichnet man eine Technik, die man am besten sparsam einsetzt. Es geht darum, gezielt Ausdrücke oder Formulierungen zu nutzen, über die die Leser·innen stolpern und die sie innehalten lassen. Ungewöhnliche Wörter und Sprachbilder sollen das Interesse wecken und zugleich den individuellen Blick der Figur auf die Welt wiedergeben.
- Received Text (überlieferter Text): Mit Received Text ist nichts anderes gemeint als Klischees. Diese sollten vermieden werden.
- Recording Angel (aufzeichnender Engel): Hiermit ist gemeint, dass Handlungen ohne Wertung wiedergegeben werden sollen. Damit ist nicht nur eine moralische Beurteilung gemeint, sondern auch etwa das Einordnen von Figuren als »glücklich«, »freundlich«, »gemein«, »ängstlich« etc. Statt einfach direkt zu benennen, sollten Eigenheiten anhand spezifischer Handlungen dargestellt werden. Palahniuk gibt hierfür ein Beispiel aus der Kurzgeschichte »The Harvest« von Amy Hempel: Hier wird ein Mann nicht einfach als Arschloch beschrieben, sondern es wird gezeigt, wie er den vom Blut seiner Freundin getränkten Pullover hält und zu ihr sagt: »You’ll be okay, but this sweater is ruined.« Beim Recording Angel geht es also darum, den Leser·innen Teile anzubieten, die sie selbst zu einem Bild zusammensetzen können.
Auch für Nicht-Minimalist·innen interessant?
Mit dem Minimalismus sind sehr spezielle Vorstellungen von Literatur verbunden, viele Geschichten und Genres funktionieren nach anderen Maßstäben. Und doch sind die Grundsätze des »Dangerous Writing« auch für Nicht-Minimalist·innen von Belang: Das Einbinden von Themen und Motiven, das Vermeiden von Klischees sowie das Erzeugen von konkreten Bildern und Vorstellungen statt einem abstrahierenden Erklären und Einordnen sind hilfreiche Leitlinien, egal ob man einen Gegenwartsroman, Science-Fiction, Horror oder Romantasy schreibt. Ob man dabei nun von Pferden, Engeln und verbrannten Zungen spricht oder von Thema, »Show, don’t tell« und erlebter Rede, ist letztlich Geschmackssache. Denn so vielfältig wie die Literatur sind auch die Arten, über sie zu sprechen.
